“Wer hat’s erfunden? - Die Ursprünge von Design Thinking (Eine zeitlich-inhaltliche Einordnung)

Design Thinking ist seit Jahren in aller Munde, aber was ist Design Thinking eigentlich? Mal wird Design Thinking als Methode beschrieben, mal als Framework oder System. Ziemlich verwirrend und je nach Quelle durchaus auch widersprüchlich.

Ich habe diese Anleitung begonnen, um meinen Kunden eine Ressource zum Selbststudium anbieten zu können. Sie kommt vor allem zur Begleitung meines Design Thinking Kurses für interdisziplinäre Teams zum Einsatz. Da es rund um das Thema Design Thinking viele Missverständnisse gibt, habe ich mich entschieden, diese Inhalte allen Lesern frei zur Verfügung zu stellen. Ich stelle euch also die Entstehungsgeschichte, den Prozess und die Prinzipien, das Mindset und die Methoden sowie die strategische Einordnung und Kritik vor.

Wir werfen einen Blick auf die Ursprünge des Begriffs, die prägenden Akteure und Institutionen. Außerdem ordnen wir den Begriff und die damit zusammenhängenden Ideen in einen historischen Kontext ein.

 
 

Also was ist Design Thinking und wo kommt der Begriff eigentlich her?

Die Ursprünge von Design Thinking als Innovationsansatz lassen sich bis in die 50er und 60er Jahren zurückverfolgen, als erste Ansätze, designerische Tätigkeiten zu erforschen und zu systematisieren.

Dabei ist es nahezu unmöglich, die exakte zeitliche Entstehungsgeschichte des Begriffs nachzuzeichnen oder alle Personen zu nennen, die daran beteiligt waren. Denn eine Vielzahl an Unternehmer:innen, Wissenschaftler:innen, Künstler:innen und Ingenieur:innen beschäftigten sich zu dieser Zeit mit der Entwicklung und Erforschung von Innovationsprozessen.

Aber beginnen wir am Anfang. Stell dir vor es ist 1958. Du stehst in New York, vor dir der Times Square. Um dich herum geschäftiges Treiben. Autos hupen, viele Menschen, Lichter. Alle auf dem Sprung - nach vorne strebend - so scheint es. Pendler, Touristen, gut gekleidete Geschäftsleute.

Foto: Chuck French - New York City 1958

Jemand reicht dir eine Ausgabe der New York Times. Auf der Titelseite verkündet eine Schlagzeile die Gründung einer neuen Organisation zur Eroberung des Weltalls. Es ist die Geburtsstunde der NASA. Der kalte Krieg ist in vollem Gange und der Wettlauf zum Mond beschäftigt die Supermächte. Der technologische Fortschritt nimmt Fahrt auf und erreicht schon bald ein rasantes Tempo, angeführt durch Innovationen in Elektronik, Computerwissenschaften und Materialwissenschaften.

Gleichzeitig kommt es zu gesellschaftlichen Umbrüchen. Die Bürgerrechtsbewegung fordert die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen schwarzer Amerikaner:innen. Die Verbereitung des Automobils erlaubt es den Menschen außerhalb der Metropolen zu wohnen und in die Innenstädte zu pendeln. Das führt zu einem verstärkten Bedarf an Infrastrukturentwicklung, insbesondere im Straßenbau, um den wachsenden Autoverkehr zu bewältigen.

Die Medien erleben mit der Einführung des Farbfernsehens einen regelrechten Boom und die Popkultur beeinflusst den Geschmack der Menschen und damit die aufstrebende Konsumkultur. Moderne und avantgardistische Designsprachen wurden populär, und Designer:innen und Architekt:innen suchen nach Wegen, diese Trends in ihre Projekte zu integrieren.

1969 - Der erste “Designdenker”? (Später ein Nobelpreisträger!)

Das ist die Situation und der Kontext in dem der Kognitionswissenschaftler und spätere Nobelpreisträger Herbert A. Simon - Professor für Verwaltung, Psychologie und Computerwissenschaften, an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh, Pennsylvania - sowie andere sich mit der Frage beschäftigen, wie designerische Arbeitsweisen zur strategischen Entwicklung von Innovationen in den Ingenieurswissenschaften genutzt werden können. 1969 spricht in seinem Buch "The Sciences of the Artificial" zum ersten Mal von Design als Denkweise ("Way of Thinking"). Simon wird in den 70er Jahren dann Ideen entwickeln, welche später zu den ersten Designprinzipien einer noch neuen Schule des Designs beitragen.

Designer:innen werden zu Koordinator:innen von Innovation

All diese Entwicklungen zusammen schaffen eine dynamische Ära für Ingenieure und Architekten in den USA, die sich den Herausforderungen einer sich wandelnden Gesellschaft, technologischen Fortschritten und neuen kulturellen Einflüssen stellen müssen. Diese Veränderungen beeinflussen Ingenieurswissenschaften und Architektur nachhaltig. Es braucht neue Methoden und Prozesse zur Entwicklung von Lösungen für die unterschiedlichsten "Designprobleme".

Das führt schließlich auch dazu, dass sich die Rolle von Designer:innen weg von einem Glied in einer linearen Abfolge von Verantwortungsbereichen (Produktentwicklung, Design, Marketing) und hin zu einer Rolle als Faszilitator, Koordinator und Synthetisierer im Zentrum eines Netzwerks aus verschiedenen Akteuren mit unterschiedlichen fachlichen Kompetenzen entwickelt.

Neben diesem Wandel von Designer:innen als reinen Ästhetisierer:innen zu Organisator:innen von Innovation wandelt sich auch das Verständnis darüber, was Design ist und worauf es als Innovationsstrategie angewendet werden kann. Eine Entwicklung die noch längst nicht abgeschlossen ist und sich neuen Berufsfeldern für Designer:innen niederschlägt. Ich denke dabei an die Gestaltung von Systemen oder sozialen Innovationen oder politischer Beteiligung. Studiengänge wie Systemdesign oder Transformationsdesign sind Ausdruck dieser Evolution des Verständnisses der Designpraxis als Innovationspraxis.

1982 Problemlösungsstrategien - Wie Designer:innen denken

1982 schreibt der Wissenschaftler Nigel Cross ein Paper mit dem Titel "Designerly Ways of Knowing", in dem er sich mit den Denkweisen von Designer:innen auseinandersetzt. Es geht ihm dabei vor allem um Problemlösungsstrategien von Designer:innen.

1991 - Das Designstudio IDEO

Gründer des Designstudios IDEO

Noch etwas später, genau gesagt 1991 gründen David Kelley, Mike Nuttall und Bill Mockgridge das Designstudio IDEO und machen in der Folge Design Thinking als ihre Arbeitsweise international bekannt.

IDEO sieht sich dabei aber keineswegs als Erfinder des Design Thinkings und auf ihrem Blog werden noch eine Vielzahl anderer Vordenker und Beiträge zur Theorie und Praxis des Design Thinkings genannt.

Ein Deep Dive lohnt sich bestimmt!

“Design is everything and everything is design”

Neben industriellen Erzeugnissen wie Möbeln, Gebäuden, Autos oder anderen Konsumgütern widmet sich das Design mit Verbreitung einer ganzheitlichen Sichtweise auf den Entwurfs- und Gestaltungsprozess zunehmend der Erfahrungsqualität von Interaktionen mit Marken und Produkten zu. (Stichwort Experience Turn)

Nachdem Design zuvor bereits Architektur und Ingenieurswissenschaften eingebunden hat integriert die designerische Theorie und Praxis zunehmend Vorgehens- und Denkweisen aus den Humanwissenschaften wie Psychologie, Sozialwissenschaften und Antropologie. Vor allem ethnografische Methoden verhelfen dem Design zu einer neuen Fähigkeit, menschliches Verhalten, Motivationen und Beziehungen zwischen Menschen und ihrer Umwelt besser zu erfassen, zu ordnen und zu verstehen. Die so erlangten Erkenntnisse erlauben ganz andere Entscheidungen in der Entwicklung von Innovationen.

Jane Fulton Suri IDEO

Bei IDEO ist es vor allem Jane Fulton Suri, die in den 80er Jahren zum Team von Bill Moggridge, noch vor der Gründung von IDEO, dazustösst und mit ihrer empathiebasierten forscherischen Vorgehensweise eine ganz neue Perspektive auf den Entwurf und die Gestaltung von Produkten, Services und Nutzererfahrungen eröffnet. Schön beschrieben auch in der Podcastfolge mit Barry Katz im Design Better Podcast.

2004 - d.school Design Thinking macht Schule

Schließlich gründete David Kelley 2004 gemeinsam mit David Beach (Maschinenbau), George Kembel, Larry Leifer (Maschinenbau), James M. Patell (Wirtschaftswissenschaft), Bernie Roth (Maschinenbau), Robert I. Sutton (Wirtschaftsingenieurwesen) und Terry Winograd (Informatik) an der Stanford University die d.school.

Die Professoren John E. Arnold und Robert McKim hatten zuvor an der Fakultät für Ingenieurwissenschaften der Stanford-Universität eine lange Tradition der kreativen, nutzerorientierten Entwicklung von Produktdesign etabliert. Das sogenannte Human-Centered Design.

Hasso Plattner (Gründer von SAP) unterstützte das Team bei der Gründung der d.school finanziell. Anschließend brachte er das Design Thinking nach Europa und gründete in Potsdam das Hasso Plattner Institut für Design Thinking. Seit 2007 fördert das Hasso Plattner Institut dort die Erforschung und Umsetzung von Design Thinking an der School of Design Thinking (d.school).

Heute wird Design Thinking in der gesamten westlichen Welt, in weiten Teilen Asiens und vielen anderen Teilen der Welt an Hochschulen gelehrt und angewendet. Es gibt unzählige Organisationen und Unternehmen, die ihr Geld mit der Schulung in und Vermarktung von Design Thinking Aktivitäten verdienen.

Die Kernidee

Die Kernidee des Design Thinkings besteht darin, das designerische Denken und Vorgehen (beobachten, erkunden, verstehen, entwerfen, tüfteln, ausprobieren, erklären, anpassen, herstellen) auf Produkt-, System- und Geschäftsentwicklungsprozesse anzuwenden und so Innovationen jeglicher Art, in einem iterativen Prozess mit Feedbackschleifen, zu entwickeln. Empathie mit den Nutzern, ein tiefes Verständnis des Anwendungskontextes, Interdisziplinarität, Kundenorientierung und das frühe Erproben von Ideen sind dafür von zentraler Bedeutung.

Meine Definition lautet daher schlicht:

"Design Thinking ist ein non-linearer Prozess des kreativen Problemlösens mit Hilfe designerischer Arbeitsweisen, Einstellungen und Werkzeuge."

Oder wie Tim Brown (Präsident und CEO von IDEO) es sagt:

"Design Thinking is a human-centered approach to innovation that draws from the designer's toolkit to integrate the needs of people, the possibilities of technology, and the requirements for business success."

Es gibt nicht die eine, allgemein gültige Definition von Design Thinking. Es ist eine Strategie, eine Vorgehensweise oder einfach die Idee des kreativen Problemlösens mit designerischen Mitteln. (IDEO Blog)

Fazit

Knapp zusammengefasst basiert Design Thinking auf einigen grundlegenden Festlegungen (Paradigmen), einem Prozess mit verschiedenen Arbeitsmodi oder zielgerichteten Aktivitäten und einer Einstellung mit bestimmten Werten und Überzeugungen. Dabei geht es um Empathie, Optimismus, Ausprobieren, Fehler machen, Tüfteln und Lernen. Und nur weil irgendwo Design Thinking drauf steht, ist noch lange nicht gesagt, dass dort auch Design Thinking stattfindet. Dazu gehört nämlich einiges mehr als nur ein Buzzwort und ein paar Post-Its. Vor allem dann, wenn Design Thinking in Organisationen strategisch nachhaltig eingesetzt werden soll. Aber dazu mehr im nächsten Teil der Serie.

Im zweiten Teil der Serie werfen wir einen Blick auf den Prozess und die grundlegenden Prinzipien. Wir werden außerdem tiefer in den Design Thinking Prozess eintauchen und verstehen, wie Design Thinking in der Praxis angewendet wird.

Wenn du Anregungen, Ergänzungen oder Fragen hast, kannst du gerne die Kommentare nutzen oder das Kontaktformular. Ich freue mich über Deine Rückmeldung!

 
 

Einige ausgewählte weiterführende Informationen zum Thema

Diese Ressourcen bieten eine gute Mischung aus theoretischen Konzepten und praktischen Anwendungen, um dein Verständnis für Design Thinking zu vertiefen. Beachte, dass die Podcasts oft aktuelle Einblicke und Perspektiven bieten, während die Bücher eine umfassendere Grundlage schaffen können.

Buchempfehlungen zum Thema (teilweise auch auf deutsch erhältlich)


Tim Brown, der CEO von IDEO, teilt in diesem Buch seine Erkenntnisse darüber, wie Design Thinking als Ansatz für Innovation eingesetzt werden kann. Es bietet praktische Beispiele und Fallstudien.

 

Roger L. Martin diskutiert die Bedeutung von Design Thinking im Geschäftsumfeld und zeigt, wie es dazu beitragen kann, Wettbewerbsvorteile zu erzielen.

 

Das Buch präsentiert zehn Fallstudien, die zeigen, wie Design Thinking erfolgreich angewendet wurde, um verschiedene Probleme zu lösen. Es bietet einen praktischen Einblick in die Anwendung des Ansatzes.

 

Idris Mootee bietet in diesem Buch eine Perspektive auf Design Thinking als Werkzeug für strategische Innovation. Es betont die Anwendung des Ansatzes in einem strategischen Kontext.

 

Links und Blog Posts (teilweise in englischer Sprache)


 

Podcasts


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"IDEO U's Creative Confidence Podcast"

Dieser Podcast von IDEO U bietet Einblicke in die Welt des Design Thinkings und die Anwendung kreativer Ansätze in verschiedenen Bereichen.

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"The Design Better Podcast" von InVision

Der Podcast von InVision präsentiert Gespräche mit Design-Experten und bietet Einblicke in verschiedene Designansätze, darunter auch Design Thinking.

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Autorenprofil

Mit mehr als 15 Jahren Erfahrung als Designer, Berater und Design Manager - selbständig und in Agenturen - arbeitete ich heute frei in unterschiedlichen Konstellationen und Teams zu den Themen nutzerzentrierte Innovationsprozesse, designgetriebene Innovation, Organisationsentwicklung, digitale Produkte, Service Design und Interaktionsdesign.

Was ich weiß und was ich lerne, teile ich auf diesem Blog.

 
 

Quellen

Dam, R. F. and Teo, Y. S. (2022, May 20). The History of Design Thinking. Interaction Design Foundation - IxDF. https://www.interaction-design.org/literature/article/design-thinking-get-a-quick-overview-of-the-history

https://www.servicedesign-nuernberg.de/was-ist-service-design-thinking/

Quelle: https://digitaleneuordnung.de/blog/design-thinking-methode/

https://www.ideo.com/journal/the-human-centered-heart-of-california-design

 

Abbildungsverzeichnis

https://www.flickr.com/photos/95044248@N00/2213198310

https://en.wikipedia.org/wiki/Herbert_A._Simon#/media/File:Herbert_Simon,_RIT_NandE_Vol13Num11_1981_Mar19_Complete.jpg

 

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