DESIGNing (with/out) Beauty - Über die Funktion von Schönheit im nutzerzentrierten Design!

"Wenn das Konzept steht, könnt ihr das dann ja noch mal hübsch machen" ist ein Satz, den Designer:innen im Laufe ihres Berufslebens so oder so ähnlich zu hören bekommen. Designer:innen werden so mit dem Stereotyp konfrontiert, Design sei vor allem für das Ästhetisieren der Dinge zuständig.

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Design als oberflächliche Gestaltung, also "hübsch machen" zu betrachten, ist meist gar nicht abschätzig gemeint, sondern wird aus einem begrenzten Designverständnis heraus geäußert. Dieses Verständnis entstand, als in den USA der 30er Jahre, nach einer schweren Wirtschaftskrise, vielen vorproduzierten - aber aufgrund der geschwundenen Kaufkraft - liegen gebliebenen Produkten, ein neuer zeitgemäßer ästhetischer Stil verpasst werden sollte, um diese Konsumprodukte an die ästhetischen Vorlieben der Zeit anzupassen und den Kunden noch anbieten zu können.

Das war die Geburtsstunde des "Stylings" und ein wesentlicher Grund für die Verwechslung von Design und oberflächlicher, rein modischer Gestaltung. Aufgrund des durchschlagenden Erfolgs der Stylingmaßnahmen hielt sich diese Vorstellung dann nämlich im Gedächtnis der Allgemeinheit.

Das Designer:innen diese Reduzierung ihres Tuns schon lange entschieden zurückweisen, ist berechtigt.

Mit fortschreitender Differenzierung und Professionalisierung des Berufs- und Aktivitätsfeldes Design, hat sich die Begrenzung des Designbegriffs auf die formal-ästhetische Gestaltung von Konsumprodukten und Kommunikationsmitteln (Produkt- und Kommunikationsdesign) überholt. Und das Verständnis für die Kompetenz und das Aufgabengebiet von Designer:innen hat sich radikal gewandelt.

Denn heute konzipieren, erforschen und entwickeln Designer:innen die unterschiedlichsten Dinge. Von Dienstleistungen (Service Design) über Beteiligungsprozesse (Social Design und Partizipationsdesign) bis hin zu Systemen (Systemdesign) und gesellschaftlichem Wandel (Transformationsdesign).

Die mit der Engfassung von Design als kosmetischer Praxis verbundene Frage nach der "Funktion" von Schönheit finde ich dennoch interessant. Wenn wir auch das reine Aufhübschen von Dingen als Designer:innen ablehnen, so müssen wir uns doch nach der tieferen Bedeutung des Konzepts "Schönheit" für das Design fragen. Ist Ästhetik doch ein zentrales Konzept menschlichen Empfindens und somit auch zentral für ein nutzerzentriertes Design. Welchen Nutzen und welche Wirkung entfaltet Schönheit also für ein modernes, nutzerzentriertes Design?

Jetzt ist es im Rahmen eines Blog Posts kaum möglich dem Gigathema "Schönheit" gerecht zu werden. Und darum soll es auch nicht gehen. Vielmehr möchte ich einladen zu einem munteren Spaziergang durch einige willkürlich und erratisch ausgewählte Aspekte zum Thema Schönheit und Design.

Aber was ist Schönheit überhaupt?

Wir fragen mal ChatGPT nach einer allgemeinen Definition oder Beschreibung des Phänomens "Schönheit". Ein Algorithmus kann bekanntlich kaum eine persönliche Meinung oder modische Vorliebe haben!?

"ChatGPT, was ist Schönheit?"

Chat GPT: "Schönheit ist ein Konzept, das auf verschiedene Weisen interpretiert werden kann. In der Kunst und im Design wird Schönheit oft durch ästhetische Merkmale wie Formen, Farben und Kompositionen vermittelt. Es ist wichtig zu erkennen, dass Schönheit stark subjektiv ist und von persönlichen Vorlieben und kulturellen Einflüssen geprägt wird."

Foto: Mohammad Metri (links), Davide Ligabue (rechts) via Unsplash

Manchen Menschen bekommen vor Entzückung feuchte Augen, wenn sie ihr frisch frisiertes Haustier edler Abstammung nach durchstandener Prozedur im Tierverschönerungssalon ihres Vertrauens wieder in Empfang nehmen dürfen. Andere hingegen finden Schönheit gerade in der Abwesenheit jeglicher Manierismen oder Moden; tragen ausschließlich schwarz und/oder weiss. Wieder andere empfinden die Brechung von gewohnten ästhetischen Konventionen als schön. (In Großstädten wie Berlin, Paris oder Barcelona sieht man viele (vornehmlich jüngere) Träger asymmetrischer Frisuren, gut gealterter Trainingsjackenblousons und Hochwasserhosen in Kombination mit 90er Jahre Plateauschuhen). So etwas wie die eine Schönheit kann es also gar nicht geben.

Und nach der Philosophie der Schönheit befragt, antwortet ChatGPT:

"Platonische Perspektive: Nach Platon repräsentiert Schönheit eine höhere Realität und ist eng mit Ideen der Harmonie und Vollkommenheit verbunden. Die Suche nach Schönheit ist eine Suche nach dem Göttlichen."

"Ästhetische Perspektive (z.B. Kant): Immanuel Kant betonte die subjektive Natur der Schönheit. Er argumentierte, dass Schönheit im Auge des Betrachters liegt und dass ästhetisches Urteilsvermögen durch Geschmack und Empfindung geprägt ist."

"Existenzialistische Perspektive (z.B. Sartre): Existenzialisten wie Jean-Paul Sartre argumentieren, dass Schönheit nicht objektiv existiert, sondern vom Einzelnen geschaffen wird. Die Bedeutung von Schönheit liegt in der individuellen Interpretation und Schaffung."

"Utilitaristische Perspektive: Ein utilitaristischer Ansatz könnte Schönheit basierend auf ihrem Nutzen oder Beitrag zur Lebensqualität bewerten. Schönes wird demnach durch seinen praktischen Wert bestimmt."

Schönheit ist also anscheinend einerseits Ideal und Idee und andererseits persönliche Wahrnehmung, Vorprägung und Vorliebe. Oder wie eine Freundin immer zu kalauern pflegt: "Geschmackssache!, sagte der Affe und biss in die Seife!".

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"Bonjour chérie!" Schönheit ist Kommunikation

Schönheit ist anschlussfähig und ermöglicht es, allgemein viele Menschen oder gezielt eine bestimmte Gruppe von Menschen für etwas zu begeistern. Gruppen codieren ihr Verständnis von Schönheit ja oft in der Art und Weise ihrer Kommunikation und Ihres Konsums (als eine Form der Kommunikation). So besitzt Schönheit, wenn wir sie als eine bewusste - bestimmten ästhetischen Prinzipien folgende - Gestalt und Funktionsweise betrachten, auch das Potenzial, Menschen bestimmte Werte und Inhalte zu kommunizieren.

Darüber hinaus erlaubt eine, bestimmten Schönheitsidealen (Harmonie, Symmetrie, Ordnung) folgende Gestaltung, eine effektivere Vermittlung von Informationen. Die Verwendung des goldenen Schnitts, der Fibonacci Reihe oder das Anwenden der Drittelregel, wird Erstsemestern in den Gestaltungsstudiengängen vermittelt, um ihnen ein Werkzeug anzubieten, schöne Produkte, Gebäude, Räume und Visualisierungen zu erzeugen. Klare Gestaltung mit Weissraum und erkennbarem System (Hierarchie, Konsistenz) erscheint attraktiv - ist aber eben auch gut zu benutzen. Die Gestaltpsychologie liefert das entsprechende Instrumentarium. Niemand wünscht sich am Flughafen ein exzentrisch gestaltetes Leitsystem mit unzähligen Schriftarten und Farben.

Auch Markenwerte werden über die Setzung bestimmter Ausprägungen von Ästhetik vermittelt. Das erfolgt im semiotischen Sinne indirekt, durch die Interpretation des Wahrnehmbaren (Ästhetik) durch den oder die Wahrnehmende(n), welche:r wiederum verbunden ist mit einem Bezugsrahmen (Kontext) mit dessen kulturellen Konnotationen er oder sie vertraut ist und die von ihm zur Deutung der Zeichen herangezogen werden. Die Verwendung von bestimmten Materialien, Farben und Formen soll mit der Erwartung des Kunden oder der Betrachterin übereinstimmen und gezielt Emotionen, wie Vertrauen oder Interesse bedienen, um das Angebot attraktiv wirken zu lassen (vgl. Ellen Lupton, Design und Emotion, S.116).

Was aber als hochwertig, wertvoll oder schön empfunden und beurteilt wird, ist aber eben abhängig vom kulturellen und sozialen Kontext der Betrachtung. Schönheit ist ein kulturelles Phänomen und Schönheitsideale und Moden bilden sich im Austausch zwischen Akteuren innerhalb einer Sphäre. So nutzen Gruppen ihre ästhetischen Codes und Bezüge zur Abgrenzung von anderen Gruppen (soziale Distinktion). Sie kommunizieren über Kleidung, Gesten und Konsumpräferenzen ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Schönheit oder Ästhetik funktioniert in diesem Zusammenhang als Ordnungs- und Distinktionsmittel.

Jenseits der Oberfläche - Schönheit ist metaphysisch

"Was haben dauerhafte Haarentfernung, Apple-Produkte und grifflose Küchenschränke gemeinsam?" Die Antwort könnte lauten: Ein Schönheitsideal aus Reinheit und asketisch sakraler Schlichtheit! Denn bei einer frisch epilierten oder glatt gelaserten Achsel, stört kein Härchen den Anblick der Körpersilhouette. Nichts drängt sich zwischen Haut und Betrachter:in.

Foto: Hugo Barbosa (links) und Martin Katler (rechts) via Unsplash

Ganz ähnlich ist es bei Designerküchen oder Technikprodukten von Apple: glatte oder samtene Oberflächen, keine überflüssigen Details oder Zierrat. Das "Design" ist also kaum "angreifbar" und in den makellosen Materialien spiegelt sich die platonische Idee der Suche nach etwas Göttlichem. Oder in der Welt von Apple, die Illusion von "Magie".

Abb.: Apple Website

Im Beispiel Apple ist es sogar so, dass sich dieses Schönheitsideal nicht auf die formal-ästhetische Gestaltung von Geräten und Benutzeroberflächen beschränkt, sondern bis in kleinste Details und sogar die inneren Funktionsweisen des gesamten Ökosystems fortsetzt.

TED Talk von Richard Seymour “How beauty feels”

So gibt es im App Store keine "anstößigen" Inhalte. Beinahe alle Dinge, die von Außen kommen und die aufgeräumte und bewusst gestaltete Ordnung und Harmonie von Systemen und Produkten stören, angreifen oder konterkarieren könnten, werden ausgebremst oder vollständig ausgesperrt. Nichts soll sie stören, die Schönheit/Reinheit von Apple-Produkten. Äußere und innere Schönheit ergeben Vollkommenheit! Sozusagen.

Don't make me think (critically :))! - Schönheit ist Psychologie

Schönheit steuert Aufmerksamkeit! Sie wird in Marketing und Werbung - also wenn schöne Menschen in schönen Umgebungen schöne Dinge präsentieren - eingesetzt, um Menschen dazu zu bringen, etwas zu bemerken, zu fühlen und zu kaufen.

Und auch die Selbstpräsentation profitiert von einer Orientierung an bestimmten Schönheitsidealen, je nachdem an wen sie sich richtet. So werden zum Beispiel Berwerber:innen anhand von Portraitfotos hinsichtlich ihrer Kompetenz besser beurteilt, wenn ihre Selbstpräsentation den Schönheitsidealen der Betrachter:in entspricht.

Aber auch im Design wird Schönheit eingesetzt, um sich den Nutzer*Innen anzubieten. Eine aufgeräumte, ansprechend gestaltete Publikation mit attraktiven Abbildungen wird sicherlich eher ausgewählt, gelesen und wertgeschätzt als ein nachlässig in schlechtem Blocksatz lieblos dahin geworfenes Dokument mit Comic Sans und beliebigem Farbkonzept. Egal wie wertvoll der Inhalt sein mag.

Designer:innen nutzen visuelle Spannung, codierte Stile und deren Brechungen sowie bekannte ästhetische Konfigurationen um die Wahrnehmung von Betrachter:innen anzusprechen (vgl. Ellen Lupton, Design is Storytelling, S.117). Dabei eignen sich unterschiedliche Arten von Schönheit oder Ästhetik für unterschiedliche Zielgruppen (gesteuert über kulturelle Codes, ausgedrückt in Typografie, Bildsprache, Liebe zum Detail, Materialien, Komposition). Und längst hat sich das Design aus der Unterordnung unter den Zweck des zu Gestaltenden befreit (vgl. Felix Kosok, Form, Funktion und Freiheit, S.185ff). Das Radical Design der 60er, später Memphis und Designer wie Ettore Sottsass oder Philipp Starck haben immer wieder ausgelotet, wie das Design sich über die Funktion erheben und sich mit Humor, Fragen oder Kritik an Konsumenten richten und Aussagen treffen oder unterhalten kann. Ob diese Objekte als schön gelten können oder ob sie das Konzept als solches eher hinterfragen, muss jeder für sich beurteilen. Womit wir wieder bei Kants Schönheitsbegriff wären.

 
 

Ästhetik als Nutzererfahrung - Schönheit ist Funktion

Foto: Despina Galani via Unsplash

Wenn du ein Restaurant oder ein Geschäft besuchst, hast du sicher schon festgestellt, dass du unmittelbar mit Betreten der Räumlichkeiten einschätzen kannst, ob es sich bei dem Angebot um ein höher- oder niederpreisiges handelt.

Deine Wahrnehmung hat blitzschnell sämtliche sinnlich verfügbaren Informationen für eine erste Einschätzung genutzt. Ist der Raum hell ausgeleuchtet? Welche Farbe hat das Licht? Ist es eng oder gibt es viel Freiraum? Welche Texturen haben die Oberflächen von Möbeln und Wänden? Welche Materialien sind vorhanden? Welche Geräusche sind zu hören? Gibt es dezente Klänge oder laute Arbeitsgeräusche. Don Norman spricht in diesem Zusammenhang von der viszeralen, der sinnlich wahrnehmbaren) Ebene der Nutzer:innenerfahrung. (vgl. Don Norman, Emotional Design: Why We Love (or Hate) Everyday Things, New York: Basic Books, 2004).

All diese Informationen werden von uns in Sekundenbruchteilen zu einer ersten (oberflächlichen) Einschätzung genutzt und in der Folge nach und nach verfeinert (bestätigt, relativiert oder widerlegt). Das hilft uns bei der Orientierung und Entscheidungsfindung im Alltag. Wir verstehen, welche Nutzung eines Raumes von den Anbietenden intendiert wird. Auch eine Einschätzung, ob das Angebot und die ästhetische Konfiguration unseren Einstellungen und Werten entspricht, findet - neben dem Rückgriff auf unser Vorwissen - intuitiv über die Beurteilung der sinnlich erfahrbaren Eindrücke statt. Deshalb funktionieren Klischees und Stereotype. Sie vereinfachen, verdichten und codieren unsere komplexe Welt.

Damit kommt Designer:innen auch in formal-ästhetischer Hinsicht die Verantwortung zu, Schönheit zweckgerichtet und angemessen einzusetzen, zu dosieren oder eben wegzulassen. Aus meinem Studium ist mir die Aussage in Erinnerung geblieben, dass ein ALDI (oder eben jeder andere Discounter) ungemütlich und rudimentär - wir könnten auch "hässlich" sagen - eingerichtet ist, damit sich Kunden schnell und zielgerichtet durch den Supermarkt bewegen. Denn Discounter sind nur profitabel, wenn viele Menschen, oft und viel dort einkaufen. Dafür müssen also möglichst viele Kunden möglichst schnell durch den gesamten Einkaufsprozess geführt werden. Und so hilft die reduzierte oder sachliche Ästhetik (viszerale Ebene) das Verhalten der Konsument:innen auf der nächsten Ebene des Modells von Don Norman - der Verhaltensebene (behavioural level) - entsprechend zu beinflussen . Hier hängt also das Geschäftsmodell unmittelbar mit der Abwesenheit von sinnlich erfahrbarer Schönheit zusammen, die vom eigentlichen Zweck des Besuches ablenken könnte.

Foto: Fikri Rasyid via Unsplash

Augenzwinkernd könnten wir vielleicht aber auch argumentieren, dass der gut durchdachten und verlässlich funktionierenden Supermarktmaschine - zumindest bei intellektueller Betrachtung - in ihrer rhythmischen, reibungsarm fließenden Systematik eine gewisse Stimmigkeit (Harmonie?), Schlichtheit und damit auch “Schönheit?” inne wohnt, aber das ist sicherlich eher etwas für Service oder Business Designer:innen ;-)

Allerdings ist es auch einfach nur langweilig, wenn alles glatt und geordnet ist. Kaum jemand möchte ein romantisches Wochenende in einem rein funktional-aufgeräumt und pragmatisch gestalteten Hotel verbringen. In diesem besonderen Kontext hat auch das Überflüssige, vielleicht das Barock-Oppulent-Übertriebene, in jedem Fall aber das Nicht-Alltäglich-Komfortable und das Großzügig-Lässig-Dargestellte seine Berechtigung und erfüllt für die Erfahrungsqualität und den daraus resultierenden Genuss der Gäste eine wichtige Funktion.

Und dabei entspricht sicherlich nicht jede Athmospärenausprägung gehobener Hotels jedem Romantikurlauberinnentyp.

Funktionalität von Schönheit liegt also nicht in der Reduktion auf den kleinsten gemeinsamen Nenner von Schönheitsidealen für sämtliche Betrachter, sondern in der Stimmigkeit einer spezifischen Ästhetik für die jeweilig gemeinten Personen und Gruppen im jeweiligen Erfahrungskontext. Und natürlich erfährt der aktuelle Schönheitsbegriff innerhalb dieses Kontextes und für diese Gruppe immer auch eine Wandlung. Da ist sie wieder, die Zielgruppe mit ihren Ästhetikpräferenzen. Das zu verstehen und gestalterisch zu nutzen ist eine der Kernkompetenzen von (Kommunikations)Design.

Das Leben eines Designers ist ein Kampf. Ein Kampf gegen die Hässlichkeit.
— Massimo Vignelli

Schönheit oder Attraktivität oder Stimmigkeit (Kongruenz) und Übereinstimmung/Passung mit den Werten einer bestimmten Gruppe an Betracher:Innen erfüllt zunächst einmal die Funktion von Anziehen oder Abstoßen.



Schönheit ist auch "Charakter, Integrität und Ausstrahlung." Also Verhalten und Wirken.

ChatGPT beschreibt: "In diesem Kontext kann Attraktivität durch die Persönlichkeit und die Art und Weise, wie eine Person mit anderen interagiert, beeinflusst werden." Ersetzt man in diesem Satz: das Wort "Person" durch "Produkt", "Benutzeroberfläche", “Architektur” oder “gestalteter Umgebung” wird deutlich, dass Schönheit im Design weit über das "hübsch machen" hinausgehen muss, wenn es zweckgerichtet Wirkung entfalten will.

Und Schönheit ist politisch.

Situativ eingesetzt kann Ästhetik dazu dienen, Menschen dazu zu verleiten, an bestimmten Orten länger zu verweilen (kuratierte Instagramfeeds, gepflegte Grünanlagen und gediegene Restaurants) oder diese eben möglichst schnell zu durchlaufen (Discounter, Bahnhöfe oder Behörden). Schönheit von Räumen und Orten oder deren Störung oder Abwesenheit kann dabei auch das Verhalten von Menschen beeinflussen.

So besagt die "broken window theory", dass das Ausmaß von Vandalismus ansteigt, wenn es bereits Zeichen von Vandalismus (wie eben einem zerschlagenen Fenster) gibt. Werden Spuren von Vandalismus nicht beseitigt, entwickelt sich demnach schnell eine Dynamik weiteren Vandalismus und auch die Kriminalität an solchen Orten nimmt zu.

Foto: Nikola Johnny Mirkovic (links) und Ilnur Kalimullin (rechts) via Unsplash

Andererseits können gepflegte Umgebungen eine positive Wirkung auf das Verhalten der Besucher haben und die Sicherheit in diesen Bereichen erhöhen. Ellen Lupton schreibt in ihrem Buch “Design is Storytelling”:

Designer nutzen menschliche Emotionen, um Gefühle wie Wohlgefühl, Verlangen, Überraschung oder Vertrauen zu erzeugen.
— Ellen Lupton (vgl. Design is Storytelling S.59)

Und:

Emotionen lösen Handlungen aus.
— Ellen Lupton (vgl. Design is Storytelling S.60)

Foto: Nerea Marti Sesarino via Unsplash

Wir können also feststellen, dass eine durchdachte Ästhetik wesentlich mehr ist als eine nachgelagerte oberflächliche Veränderung des Bestehenden. Sie ist vielmehr eng verwoben mit dem Wesen von Produkten, Orten und Erfahrungen. Liegt diesen zugrunde und prägt ihre Wirkung und damit das Verhalten derjenigen, die mit diesen Dingen und miteinander interagieren.

Hierin liegt allerdings auch ein Risiko und Designer:innen kommt in der Konsequenz eine moralische Verantwortung zu, denn Schönheit oder Ästhetik kann auch zur Manipulation und Ablenkung eingesetzt werden. So werden Rezipienten und Nutzer:innen abgelenkt von den Motiven der Erzeuger von schönen Orten, Medien, Geräten und Applikationen. Die den Dingen und Systemen eingeschriebenen Machtverhältnisse werden so verschleiert und bleiben unsichtbar und schwer erreichbar für jede Kritik (vgl. Felix Kosok, Form, Funktion und Freiheit, S.185ff).

Schönheit oder vielleicht sagen wir besser ästhetische Passung und Konfiguration sind nicht als Selbstzweck zu verstehen, sondern erfüllen wesentliche Funktionen auf verschiedenen Ebenen der Nutzer:innenerfahrung und besitzen - wenn sie für öffentliche Bereiche oder das Verhalten großer Gruppen gedacht werden - durchaus auch eine politische Relevanz.

Wenn du Anregungen, Ergänzungen oder Fragen hast, kannst du gerne die Kommentare nutzen oder das Kontaktformular. Ich freue mich über Deine Rückmeldung!

 
 

Einige ausgewählte weiterführende Informationen zum Thema

Diese Ressourcen bieten eine gute Mischung aus theoretischen Konzepten und praktischen Anwendungen, um dein Verständnis für das Thema zu vertiefen. Beachte, dass die Podcasts oft aktuelle Einblicke und Perspektiven bieten, während die Bücher eine umfassendere Grundlage schaffen können.

 

Buchempfehlungen zum Thema (teilweise auch auf deutsch erhältlich)


"Design Basics: Von der Idee zum Produkt"

Gerhard Heufler, Michael Lanz, Martin Prettenthaler

„Design Basics“ spannt den inhaltlichen Bogen von den geschichtlichen Wurzeln bis zum Ausblick in die nächste Zukunft, von den umfassenden Produktfunktionen bis zum komplexen Designprozess, von theoretischen Grundlagen zu anschaulichen Fallstudien.

Zentrales Thema ist die Produktgestaltung im Spannungsfeld zwischen Konsument, Produzent und Designer.

 

Jeder weiß, dass es ihn gibt. Jeder meint, ihn zu besitzen. Dabei hat ihn nie jemand gesehen: den Geschmack, unseren Sinn für das Schöne, Glücksantenne und Tastsinn unserer Sehnsucht.

Ulrich Raulff erkundet diese Kompetenz für das Schöne und entführt uns in seinem furiosen neuen Buch auf einen materialistischen Jahrmarkt der Eitelkeiten, einen Parcours der Likes von Meissen bis Mac und von Diderots Hausrock bis Victoria’s Secret.

 

Design ist eine vergleichsweise junge Disziplin. Theoretische Eigenständigkeit erarbeitete sie sich in Abgrenzung von Kunst und Handwerk. Insbesondere der Funktionalismus war seit Anfang des 20. Jahrhunderts prägend: »form follows function!«

Heute hat sich das Feld aufgefächert: Die Leitideen sind nicht mehr nur praktischer Nutzen und Schönheitsvorstellungen, auch Ökologie und Gerechtigkeit, ja sogar die Potentiale von Ironie, Spiel und Witz finden Eingang in die Designtheorie.

 

Design is Storytelling is a guide to thinking and making created for contemporary students and practitioners working across the fields of graphic design, product design, service design, and user experience.

By grounding narrative concepts in fresh, concrete examples and demonstrations, this compelling book provides designers with tools and insights for shaping behaviour and engaging users.

 

Emotions are inseparable from how we humans think, choose, and act.

Building on his previous work in The Design of Everyday Things, Norman takes his thinking several steps farther, showing that successful design must incorporate not just what users need, but must address our minds by attending to our visceral reactions, to our behavioral choices, and to the stories we want the things in our lives to tell others about ourselves.

 

Wie macht Design den unverwüstlichen Charakter einer Bohrmaschine erlebbar? Und welche Emotionen sollten eigentlich intelligente Gartengeräte ausstrahlen?

Die treffsichere Kommunikation und Gestaltung von Gefühlswelten bleiben eine der größten Herausforderungen für Unternehmen und die professionelle Gestaltung. Das erfolgreiche Handbuch Emotion gestalten bietet hier praktische Unterstützung. Basierend auf aktuellen Forschungen aus Neurowissenschaften und Psychologie, stellt das Buch Tools vor, um Emotionen systematisch zu analysieren und über präzisen Einsatz von Form, Farbe und Material zu steuern.

 

Designästhetik - Theorie und soziale Praxis

Oliver Ruf (Herausgeber), Stefan Neuhaus (Herausgeber)

Design ist allgegenwärtig - es durchtränkt gleichsam das Leben, oftmals unbewusst, doch immer durchscheinend und folgenhaft. Es ist Bestandteil des Habitus und unverzichtbarer Teil einer jeden Identität.

Doch welche Normierungen greifen hier und dienen als Orientierung für Absetzbewegungen?
Die Beiträge des Bandes entwickeln zu diesem zentralen Dispositiv einen theoretischen wie praktischen Rahmen und reflektieren Indikatoren für entsprechende Leistungen.

 

Links und Blog Posts (teilweise in englischer Sprache)


Arrivederci Bauhaus - Monopol Magazin
Artikel über Alchimia und das italienische (Post) Radical Design

 

Podcasts und Vorträge


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"Aesthetics and Philosophy of Art Lectures” Oxford University

Vorlesungsreihe zur Philosophy von Kunst und Schönheit. Hume, Plato, Kant.

auf Apple Podcasts anhören

"How your brain decides what is beautiful" TED Talk

Zur neurowissenschaftlichen Perspektive und Psychologie von Schönheit.

auf TED.com ansehen

 

Autorenprofil

Mit mehr als 15 Jahren Erfahrung als Designer, Berater und Design Manager - selbständig und in Agenturen - arbeitete ich heute frei in unterschiedlichen Konstellationen und Teams zu den Themen nutzerzentrierte Innovationsprozesse, designgetriebene Innovation, Organisationsentwicklung, digitale Produkte, Service Design und Interaktionsdesign.

Was ich weiß und was ich lerne, teile ich auf diesem Blog.

 
 

Quellen

Norman, D. (2004). Emotional Design: Why We Love (or Hate) Everyday Things. Basic Books

Lupton, E. (2017). Design is Storytelling. Thames & Hudson

Kosok, F. (2021). Form, Funktion und Freiheit: Über die ästhetisch-politische Dimension des Designs (Medien- und Gestaltungsästhetik, Bd. 11). transcript Verlag

Heufler, G., Lanz, M. & Prettenthaler, M. (2018). Design Basics: Von der Idee zum Produkt. niggli Verlag

www.ted.com

 

Abbildungsverzeichnis

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